Was einen guten Coach ausmacht

Was einen guten Coach ausmacht – Interview mit Stefie Rapp

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Der Fachkräftemangel ist in den Arztpraxen angekommen. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Sicherlich spielt es auch eine große Rolle, wenn Mitarbeiter sich in der Praxis nicht wohl fühlen oder sich mit den Teamkollegen nicht verstehen und als Folge die Praxis verlassen. Doch so weit muss es gar nicht kommen. Stellen Sie sich vor, wie schön es wäre, wenn die Mitarbeiter gern in der eigenen Arztpraxis arbeiten, alle ihr Potenzial voll einbringen, mitdenken und mitgestalten. Dabei kann auch Coaching für die eigene Arztpraxis wesentlich unterstützen.

Stefie Rapp Stefie Rapp ist seit 2005 Systemischer Coach und Teamcoach. Sie begleitet Arztpraxen dabei, ein positives Arbeitsklima aufzubauen, das gegenseitige Vertrauen im Team zu stärken und die Mitarbeiter zu mehr Selbstständigkeit zu motivieren. In diesem Interview erklärt sie den Unterschied zwischen Beratung und Coaching und was einen guten Coach ausmacht und wie man ihn / sie erkennt.

QMedicus: Was ist Coaching?

Stefie Rapp: Zuerst unterscheide ich zwischen Einzel- und Team-Coaching.
Beim Einzel-Coaching erarbeitet der Coach passgenaue Lösungen mit dem Coachee, also der Person, die gecoacht wird. Beim Einzel-Coaching ist es immer ein 1:1-Gespräch: 1 Coach, 1 Coachee. Der Coachee hat bereits alle Lösungen in sich drin, aber er / sie sieht sie nicht.
Beim Team- oder Gruppen-Coaching benötigt ein Team Lösungen für sich. Der Coach arbeitet mit dem gesamten Team bzw. Teilen des Teams. Das ist insgesamt komplexer und dauert dementsprechend länger. Auch das Team trägt die Lösungen in sich, aber es hat selbst noch nicht die Lösung gefunden, die für alle Teammitglieder wirklich gut passt. Vielleicht hat es schon Lösungen gefunden, aber sie passen eben nicht für alle Mitglieder gleich gut – und deshalb läuft es im Team nicht „rund“.

QMedicus: Was ist das Ziel von Coaching? Wozu macht man ein Coaching?

Stefie Rapp: Auch hier unterscheide ich beim Einzel- und beim Gruppencoaching.
Beim Einzelcoaching steht der Coachee vor einer Hürde in seinem (Berufs-)Leben, die er / sie schon versucht hat, alleine zu überwinden. Aber das hat nicht geklappt. Im Einzelcoaching hilft der Coach nun dem Coachee, diese Schwierigkeit zu lösen. Oft sind diese Hürden innere, gelernte hinderliche Glaubenssätze, die in gute Glaubenssätze umgewandelt werden müssen. Der Coach unterstützt dabei. Ein Beispiel für so einen Glaubenssatz wäre: „Ich bin nicht gut genug.“ Die Lösung kann zum Beispiel lauten: „Ich wachse an meinen Herausforderungen.“ Oder „Ich kann alles lernen, wenn ich es will.“ Und das Positive verstärken wir dann.
Probleme können auch sein, dass man z.B. nicht gut mit Kritik umgehen kann, dass man immer sehr aufgebracht ist, wenn jemand Kritik an der eigenen Person übt. Nach dem Coaching hat der Coachee die Wahl, wie er sich verhalten will.
Es kann auch um ein unerwünschtes Verhalten gehen, z.B. dass jemand immer zu spät kommt. Dafür gibt es ja Gründe und somit Hinderungsgründe, pünktlich zu sein.
Beim Gruppen-Coaching muss mehrschichtig an das Problem herangegangen werden. Wichtig ist, dass die Dinge (endlich) in einer guten Art und Weise auf den Tisch gebracht werden dürfen. Der Coach moderiert diesen Team-Austausch so, dass die Team-Mitglieder im Gespräch bleiben. Es geht darum, neue, gemeinsame Lösungen zu finden. Bei Teams geht es oft darum, welche Dinge immer unter den Tisch gekehrt wurden. Diese können nun offen angesprochen werden. Ja, ich stelle auch die Frage: „Was würden sich die Team-Mitglieder anders wünschen?“ Alle Antworten werden gesammelt, abgestimmt und dann eine gemeinsame Vereinbarung daraus formuliert.

QMedicus: Wie unterscheidet sich Coaching von Beratung?

Stefie Rapp: Bei einer Beratung hat der Berater ein umfangreicheres Wissen zu einem Thema als das beratene Unternehmen. Deshalb ist er ein Rat-Geber – Be-Rat-Er. Das Unternehmen möchte von dem Berater, dass er sein Wissen mit dem Unternehmen teilt.
Ein Coach benötigt dieses Fachwissen nicht, eher Kompetenzwissen. Ein Coach arbeitet die internen Lösungen heraus, die der Coachee mitbringt, aber selbst keinen Zugang dazu erlangt hat – der Coachee sieht die Lösungen einfach nicht. Deshalb arbeitet ein Coach sehr häufig mit Fragen und Tools für bestimmte Fragetechniken. Dadurch kann der Coachee die für ihn passende Lösung finden, denn es gibt nicht die eine richtige Lösung für ein Problem. Und es ist auch wichtig, dass es nicht die Lösung des Coachs ist, sondern die des Coachee. Der Coach kann natürlich Lösungen anbieten, aber der Coachee trifft die Entscheidung. Aber noch besser ist es, wenn der Coachee selbst die passende Lösung erarbeitet.

QMedicus: Wer darf sich Coach nennen?

Stefie Rapp: „Coach“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Das macht es leider etwas schwieriger, professionelle Coaches von anderen zu unterscheiden. Im Wesentlichen erkennt man professionelle Coaches an einer mindestens 60-tägigen Ausbildung. Der Coachee oder das Unternehmen, das ein Coaching wünscht, sollte auf jeden Fall nach solchen Kriterien fragen.

QMedicus: Welche Ausbildung sollte ein Coach haben?

Stefie Rapp: Eine gute Ausbildung endet auf jeden Fall mit einer Zertifizierung mit Abschlussprüfung, Praxisteil, Anwesenheitspflicht und Masterarbeit oder einer anderen Abschlussarbeit. Im Hintergrund des Ausbildungsganges sollte auf jeden Fall ein etabliertes, seriöses Unternehmen stehen.
Ich selbst habe unter anderem eine Ausbildung als DV NLP-Coach des Deutschen Verbands (DV) für NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) – das ist ein sehr renommiertes Institut für die Coach-Ausbildung.
Auch nach einer Grund-Ausbildung sollte sich ein Coach immer weiter fortbilden. Die konstante Weiterbildung öffnet dem Coach den Blick, andere Möglichkeiten zu erkennen, wie der Coach den Coachee im Gespräch unterstützen kann. Es gibt nicht die eine formale, richtige Ausbildung, aber die Qualifizierung sollte zum einen eine eigene Persönlichkeitsentwicklung umfassen, z.B. arbeitet ein „systemischer Coach“ während seiner Ausbildung an sich – quasi als Übungsobjekt, aber auch um die eigene Persönlichkeit herauszubilden, zu lernen und sich mental zu festigen. Zum anderen lernt der Coach durch die Ausbildung mit Coachees umzugehen.
Eine solide Ausbildung ist sehr wichtig, weil es sowohl beim Einzel-Coaching als auch bei den Team-Coachings auch passieren kann, dass ein Coachee anfängt zu weinen oder zu schreien – und damit muss der Coach umgehen können. Daher ist es wichtig, dass der Coach selbst seine eigenen Themen geklärt hat – je besser, umso besser auch für das Coaching. Der Coach selbst muss in jedem Fall krisenfest sein. Der Coach muss fähig sein, seine eigenen Themen völlig zurückzustellen. In einem Coaching darf es niemals um den Coach gehen, niemals. Dafür braucht man Übung – und die erfordert mindestens 60 Tage Ausbildung. Mir selbst ist das tatsächlich mal in der Rolle des Coachees während meiner Ausbildung passiert, dass mein Coach plötzlich angefangen hat zu weinen.

QMedicus: Wie finde ich heraus, ob ein Coach zu mir passt?

Stefie Rapp: Bei einem Einzelgespräch sollte es immer ein Vorgespräch geben – bei mir dauern diese ca. 30 Minuten und sind natürlich kostenlos. Diese Gespräche sind auch online sehr gut möglich, weil sich auch die Tools zur Gesprächsführung mit der Zeit weiterentwickeln. Wichtig ist hier natürlich, dass Coach und Coachee sich sehen können – es sollte also mit Kamera stattfinden. Der Coach sollte nie Wertungen oder Beurteilungen geben – nicht im Gespräch und nicht danach. Nach dem Kennenlernen sollte der Coachee in sich reinhorchen: „Habe ich mich im Gespräch wohlgefühlt?“ Das ist sehr, sehr wichtig, weil sich der Coachee im weiteren Coaching gegenüber dem Coach öffnen muss, damit das Coaching erfolgreich sein kann. Sollte der Coachee tatsächlich feststellen „Ich habe mich nicht wohl gefühlt.“, sollte er sich wirklich einen anderen Coach suchen.
Bei einem Gruppen-Coaching spreche ich zuerst mit jedem Mitarbeiter einzeln. Ja, das nimmt Zeit in Anspruch, ist aber entscheidend. Denn jeder einzelne Mitarbeiter muss das Vertrauen in den Coach haben, sonst wird das eigentliche Coaching schwierig. Diese Einzel-Gespräche dauern in der Regel 20 Minuten – meist führe ich diese als Video-Meetings. Sollten sich mehrere Team-Mitglieder, also 2-3, tatsächlich mit dem Coach unwohl fühlen, passt er nicht zum Team. Aber das ist mir ehrlich gesagt in meiner gesamten Laufbahn noch nicht passiert.

QMedicus: Und wenn die Chemie nur „OK“ ist? Sollte man den Coach trotzdem beauftragen?

Stefie Rapp: Nein, wenn man sich mit dem Coach unwohl fühlt, kann das Coaching nicht erfolgreich werden. Aber wie gesagt, ist mir das noch nie passiert. Ich bin in meiner Rolle als Coach für den einzelnen da, d.h. ich bin wirklich für jeden einzelnen aus dem Team da.
Die Aufgabe des Coachs ist es, jede/n dort abzuholen, wo er / sie gerade steht. Der Coach darf in keinem Fall und zu keinem Zeitpunkt werten. Ein guter Coach ist also sehr neutral. Er moderiert eher das Gespräch und zeigt nicht den Weg auf.

QMedicus: Wie läuft ein Einzel-Coaching bei dir ab?

Stefie Rapp: Beim Einzelcoaching gibt es immer zuerst das Vorgespräch zum Kennenlernen. Dabei findet auch das „Analysegespräch“ statt, wo sich das eigentliche Problem versteckt. Wir arbeiten also heraus, wo sich die Problem-Wurzel befindet, kristallisieren das eigentliche Problem heraus und klären, ob es sich überhaupt um ein Coaching-Thema handelt.
Ein Coaching ist nur möglich, wenn die Person seelisch gesund ist, d.h., Personen, die eine medizinische Diagnose für eine Depression, ein Burnout oder ähnliches haben, sind nicht für ein Coaching geeignet – sie müssen wirklich durch einen Psychotherapeuten betreut werden. Andernfalls werden sie durch ein Coaching schnell überfordert. Und das wäre ja überhaupt nicht förderlich.
Wenn diese Frage geklärt ist, findet das eigentliche Coaching-Gespräch statt. Bei mir gibt es meist nur einen Coaching-Termin. Dieser dauert 90-120 Minuten. In 95 Prozent der Fälle haben wir nach diesem einen Termin bereits die Lösung für den Coachee erarbeitet. Allerdings kann in einer Coaching-Sitzung immer nur ein Problem gelöst werden. Meistens handelt es sich bei den Problemen darum, dass sich der Coachee ein anderes Verhalten von sich wünscht, das sich aber nicht mit den erlernten Glaubenssätzen verträgt. Wenn wir im Vorgespräch allerdings gemeinsam mehrere Probleme erkannt haben, folgt je Problem eine weitere Sitzung.
Tatsächlich reicht eine Coaching-Sitzung je Problem aus – das ist zwar finanziell für mich eigentlich blöd, aber natürlich sehr gut für das Coaching und den Coachee – denn dann hat das Coaching dem Coachee tatsächlich geholfen.

QMedicus: Und wie läuft ein Gruppen-Coaching ab?

Stefie Rapp: Wie schon erzählt, spreche ich beim Gruppen-Coaching zunächst mit jedem einzelnen Mitarbeiter. Dabei frage ich auch die Ziele der einzelnen Personen ab. Gemeinsam formulieren wir das Ziel so, dass es messbar wird. Das ist wichtig, um später erkennen zu können, ob das Coaching erfolgreich war.
Wichtig ist auch, in den Einzelgesprächen zu erkennen, ob es Konflikte zwischen bestimmten einzelnen Personen gibt. Damit das Coaching für das gesamte Team erfolgreich sein kann, kann es erforderlich sein, zunächst in einem Zwischenschritt den Konflikt zwischen den Beteiligten auszuräumen. Schlecht ist es, wenn solche Konflikte erst beim gemeinsamen Team-Termin offensichtlich werden.
Mit dem Team als Gruppe steige ich gerne mit einem Lernprojekt oder einem Spiel ein. Spiele zeichnen die Wirklichkeit ab, aber ohne die Komplexität, den Ernst und die Schwere, die in der Realität mit den Aufgaben des Teams verbunden sind. Daraus ergeben sich Riesen-große Lernschritte in sehr kurzer Zeit. Wenn das Team dann die gemeinsame Lösung erarbeitet hat, wird eine gemeinsame Vereinbarung geschlossen. Einer aus dem Team wird dann als Freiwilliger bestimmt, der auf die Umsetzung achtet. Als Konsequenz, wenn sich jemand nicht an die neue Vereinbarung hält, kann z.B. vereinbart werden, dass er / sie ein Frühstück ausgeben muss oder einen Kuchen backen muss – es sollte keine harte Strafe sein. Die neue Lösung soll nicht mit Ärger, sondern mit Freude verbunden werden.
Wenn natürlich neue Mitglieder zum Team hinzukommen oder Mitarbeiter ausscheiden, verändert das die Team-Konstellation. Dadurch kann ein neues Coaching erforderlich werden.
Im Abstand von 4 Wochen folgt dann immer ein Follow-Up. Das Follow-Up dauert in der Regel 2 Stunden. Das Team braucht in der Zwischenzeit die Gelegenheit, die neuen Glaubenssätze zu verinnerlichen und auszuprobieren. Inhaltlich geht es darum, welche Vereinbarung das Team im Coaching mit sich getroffen hat, und wie gut diese bereits eingehalten wurde. Es geht also darum, dass das Coaching erfolgreich abgeschlossen werden kann.

QMedicus: Und was kann Coaching nicht?

Stefie Rapp: Wenn eine Person nicht an einer Lösung interessiert ist, wird ein Coaching nicht erfolgreich sein.
Ansonsten gibt es eigentlich nur die Einschränkung, dass seelisch kranke Menschen kein Coaching in Anspruch nehmen sollten. Coaching ist Veränderungsarbeit – das kann sehr anstrengend sein, aber auch einer gesunden Person eben auch sehr guttun.

QMedicus: Wann war ein Coaching hilfreich?

Stefie Rapp: Auf jeden Fall war das Coaching erfolgreich, wenn die Person beim nächsten Mal beim Zusammentreffen mit ihrem Thema nun eine Wahl hat, wie sie reagieren möchte. Wenn jemand zum Beispiel bei Kritik bisher immer laut geworden ist, hat er / sie nun die Wahl, ob er / sie trotzdem laut werden möchte oder ganz ruhig bleiben möchte.
Ein Team sollte sich nach dem Coaching auf die gemeinsame Zukunft freuen können. Es sollte hoch motiviert sein und an der Umsetzung arbeiten. Ob ein Team-Coaching funktioniert hat, sieht man daran, ob langfristig die Fluktuationsrate sinkt. Der Grund dafür ist meistens, dass die Mitarbeiter nun mehr Wertschätzung im Team erfahren und sich dadurch wohl fühlen. Es gibt keinen Grund mehr, zu gehen.

QMarion: Vielen Dank für die wertvollen Informationen!

Das Interview habe ich geführt mit:
Stefie Rapp
Training+Coaching
Lindenstrasse 33
88441 Mittelbiberach
Telefon: 0 73 51 – 57 77 70
Mobil: 0 170 – 30 88 955
rapp@sr-coaching.com
www.sr-training.net

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